Fehlerkultur: Mehr als ein Konzept?
Eine positive Fehlerkultur – was für ein Begriff! Aber ist es heute wirklich weniger peinlich, Fehler zu machen? Menschen mögen es immer noch nicht, falsch zu liegen – besonders nicht in der Schule. (1) Dieser Satz bringt die Fehlerdiskussion direkt auf den Punkt: Fehler gelten oft im Bildungsbereich immer noch als das unaussprechliche „F-Wort“. Trotz den altbekannten Reden darüber, aus Fehlern zu lernen, ist die Angst vor dem Scheitern in vielen Klassenzimmern tief verankert. Es ist an der Zeit, unser Verständnis von Fehlern zu überdenken und das gefürchtete F-Wort in eine echte Wachstumschance zu verwandeln.

Mein erstes Zeugnis:
„Christa ist ein kluges, liebes Kind. Sie zeigt sowohl mündlich als auch schriftlich hervorragende Leistungen. Wenn sie jedoch einen Fehler macht oder etwas nicht sofort versteht, gerät sie sofort in Panik! Sie muss lernen, nicht so stark auf Fehler zu reagieren.“
Die Angst zu scheitern: Warum Fehler Lernende noch immer zurückhalten
Eine persönliche Reflexion: Meine Erfahrungen mit Fehlern in der Schule
Ich erinnere mich noch gut an die roten Korrekturzeichen auf meinen Hausaufgaben und das beklemmende Gefühl, falsch zu liegen. Ich hatte solche Angst, Fehler zu machen, dass mich schon kleine Patzer in Panik versetzten. (Auf meinem ersten Zeugnis stand: „Sie gerät in Panik… Sie muss lernen, weniger stark auf Fehler zu reagieren.“ Autsch.) (2)
Falsch bleibt falsch
Jahrzehnte später weiß ich: Diese Angst war keineswegs einzigartig. Bei der Entwicklung von enduri schrieb ich darüber für Bildung Schweiz und stellte fest, dass diese Angst noch immer in Klassenzimmern existiert. Lehrkräfte und Experten bestätigten: Die Angst, Fehler zu machen, hindert viele Lernende daran, Herausforderungen anzunehmen. (3)
Wer je eine Frage nicht gestellt oder eine Antwort zurückgehalten hat, weil er sich nicht hundertprozentig sicher war, kennt das Gefühl. Fehler können im Unterricht peinlich sein (4) – also lernen Schüler, dass es sicherer ist, zu schweigen oder bei Bekanntem zu bleiben. Lieber eine ordentliche Note ohne Risiko als scheitern und auffallen.
Erkenntnisse über Lernen und Selbstbestimmung
Die psychologische Wirkung von angstbasiertem Lernen
Soziologe Martin Hafen schlägt vor, dass Schulen den Erfolg daran messen sollten, wie viel eine SchülerIn gelernt hat – nicht daran, wie wenig Fehler er gemacht hat. „Gezählt werden sollten Erkenntnisse, nicht Fehler“, sagt er. (5)
Das heißt: Lernende brauchen Zeit und Vertrauen, um aus Fehlern zu lernen – anstatt sie einfach abzuhaken und weiterzugehen. Denn wenn wir Fehler als Tabu behandeln, riskieren wir das Gegenteil von Lernen: Angst verhindert nämlich das Denken.
Das „F-Wort“ in der Bildung: Warum Fehler missverstanden werden
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Fehler regen das Gehirn zum Lernen an. (6) Doch wer panisch auf Fehler reagiert, aktiviert im Gehirn Angstzentren statt Problemlösung. (7) Studien belegen: Lernende mit großer Angst vorm Scheitern haben öfter schlechtere Leistungen (8) und meiden Herausforderungen, die sie eigentlich weiterbringen würden. (9)
Indem wir Fehler als etwas Schambehaftetes statt als Lernchance betrachten, entstehen weniger resiliente, weniger mutige Lernende.
Ein sicherer Raum für Ausprobieren und Wachstum
Die Vorteile des stärkenorientierten Lernens mit enduri
Bei enduri setzen wir diese Erkenntnisse in die Praxis um. Unsere Plattform ist ein sicherer Raum, um zu experimentieren: SchülerInnen können verschiedene Strategien ausprobieren – ohne Angst, bewertet zu werden. Wenn eine Methode nicht passt, ist das kein Misserfolg, sondern ein Schritt auf dem Weg zur besseren Lösung. Feedback hilft dabei, weiterzukommen. Im Mittelpunkt stehen Fortschritt und Verbesserung, nicht Bestrafung.
Wir vermeiden auf der Plattform sogar das Wort „Fehler“. Statt ein „F“ zu vergeben, heben wir Fortschritte hervor. Unser Motto lautet: „Fortschritt zählt!“ (10). Wenn SchülerInnen erkennen, dass niemand ihre Fehler sammelt, werden sie mutiger und neugieriger. Die Angst vor dem Scheitern weicht der Lust am Ausprobieren.
Wie enduri neurodiverse SchülerInnen unterstützt
enduri wurde auch mit Blick auf neurodiverse Lernende entwickelt – viele von ihnen haben durch frühere Misserfolge und ein ungeeignetes Bildungssystem belastende Erfahrungen gemacht. Unsere Plattform erlaubt ihnen, in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Weise zu lernen. Sie nutzen Strategien, die zu ihren individuellen Stärken passen. Lernen ist bei enduri kein Einheitsweg, sondern ein personalisiertes Erlebnis, das Stärken betont und zum mutigen Ausprobieren einlädt.
Fazit: Fehler als Wegweiser zum Lernerfolg
Lehrkräfte unterstützen, eine positive Fehlerkultur zu fördern
Fehler sind kein Tabu, sondern ein Baustein. Wenn wir Schulen zu Orten machen, an denen man gefahrlos experimentieren, scheitern und wieder anfangen darf, werden Fehler zu Wachstumschancen. Wer Fehler als Teil des Prozesses sieht, lernt nachhaltiger und mit mehr Selbstvertrauen.
enduri unterstützt Schüler dabei, neue Lernstrategien zu erproben, durch Versuch und Irrtum zu wachsen und Vertrauen in den eigenen Lernweg zu entwickeln. Für Lehrpersonen bietet enduri praxisnahe Werkzeuge, um eine Lernkultur des Erkundens und kontinuierlichen Lernens zu etablieren.
Die Fehlerkultur im Lernen neu denken
enduri ist prozessorientiert, nicht ergebnisgetrieben. Es gibt keine Endnote, die das Können eines Lernenden festschreibt – nur kontinuierliches Wachstum. Jeder Fehler ist ein Schritt in Richtung Kompetenz, ein neuer Erkenntnismoment, eine getestete Strategie.
Wenn wir Fehler als selbstverständlichen und notwendigen Teil des Lernens begreifen, geben wir Lernenden Mut, Risiken einzugehen, Methoden zu erkunden und sich zu entfalten. Bereit? Jetzt starten: www.enduri.org
Quellen:
1 Wüthrich, C. (2025). „Wrong remains wrong.“ Bildung Schweiz.
3 Harvard Graduate School of Education. (2023). „The Problem with Grading.“ Ed Magazine.
8 Hechinger Report. (2024). „Kids in Larger Bodies Do Worse in School. One Reason May Be Teacher Bias.“ Teen Vogue.
10 enduri. (2025). „Learning & the ‚F-Word‘.“ enduri.org.